A24

Runder Shiba Onko Teller mit Palastmarke „N=75 -W“

Meissen 1730/31 (Hoym/Lemaire); Ø 22,4 cm; Aufglasurschwertermarke in Emailblau; Palastnummer (d) „N=75-W“ (Boltz Keramos 153/1996 S. 74); Drehermarke „X“ für Johan Daniel Rehschuh (Rückert, Keramos 151 / 1996 S. 80)

Provenienz: Königliche Sammlung im Japanischen Palais, Dresden (Boltz a.a.O.); Margarete und Dr. Franz Oppenheimer (Inv.-Nr. 213 in Rot); Dr. Fritz Mannheimer, Bankier Amsterdam; Rijksmuseum Amsterdam, zuvor ebd. Dauerleihgabe des Niederländischen
Staates (Den Blaauwen 2000 Nr. 162 S. 240); Erben des Ehepaars Margarete und Franz Oppenheimer, die die Sammlung bei Sotheby’s New York versteigern ließen (14.09.2021 Nr. 28)

DER SHIBA ONKO-DEKOR IN MEISSEN

Im Mittelpunkt der Szene steht links der chinesische Staatsmann und Historiker Sima Guang (1019–1086), der während der Song-Dynastie lebte und wegen seiner zahlreichen Standardwerke zu großem Ruhm gelangte.

Die dargestellte Szene geht auf eine Geschichte zurück, die im Japan des 17. Jahrhunderts sehr beliebt war. Der junge Sima Guang, in Japan Shiba Onko genannt, rettet einen Freund vor dem Ertrinken, indem er einen Stein in das mit Wasser gefüllte Tongefäß wirft, in das der Freund hineingefallen ist (Jenyns 1965 S. 125; Porcelain for Palaces 1990 S. 152; Impey 2002 S. 157). Das Motiv, das Kreativität und Geistesgegenwart symbolisiert, war auch in Europa eines der beliebtesten Kakiemon-Dekore. In England wurde es bekannt unter dem Namen „Hob-in-the-well“ (a.a.O.).

Die Seltenheit sowie die überragende Qualität japanischer Kakiemon-Porzellane — ihr milchweißer Scherben (nigoshide genannt) und ihre brillanten, transluzenten Farben — machten sie in Europa außerordentlich begehrt (Weber 2013 Bd. I S. 47 f.) und zu hoch gehandelten Objekten des Pariser Luxuswarenmarktes (siehe am Bsp. der Shiba Onko-Schalen, Weber 2013 Bd. II S. 137 a.E.). Jedoch versiegte der Importnachschub während der 1720er Jahre. Wie Impey annimmt (2002 S. 29), musste die Kakiemon-Werkstatt mitunter wegen der wieder erstarkten Konkurrenz aus China um diese Zeit wohl ihren Betrieb einstellen.

Der Pariser Großkaufmann Rudolphe Lemaire
Der Pariser Großkaufmann Lemaire, der das Potential der Situation erkannte, die sich aus sinkendem Angebot und steter Nachfrage ergab, hatte den genialen Einfall, das begehrte Kakiemon-Porzellan von der Manufaktur kopieren zu lassen, die allein dazu in Europa imstande war: Meissen.

Dank der gründlichen Studien von Julia Weber (Meißener Porzellane mit Dekoren nach ostasiatischen Vorbildern. München 2013) und der von Claus Boltz publizierten Quellen („Hoym, Lemaire und Meißen – Ein Beitrag zur Geschichte der Dresdner Porzellansammlung“. In Keramos 88/1980), können wir den Einfluss Lemaires auf die Meissener Produktion heute nachvollziehen.

Im Jahr 1728 kam Lemaire nach Dresden, wo er, aufgrund guter Kontakte, schnell eine Audienz bei August dem Starken höchstpersönlich erhielt. Lemaire verstand es, den König für seine Ideen zu gewinnen, allerdings nur mit dem Vorwand, dass „wenn die Waren nach seinen [Lemaires] Angaben und Modellen ausgeführt würden, das sächsische Porzellan bald dasjenige überträfe, das derzeit aus Ostasien importiert würde, und sogar dem alten japanischen gleichkommen könne“ (Weber 2013 Bd. I S. 33). Dass es ihm in Wirklichkeit aber vor allem darum ging, täuschend echte Kopien herstellen zu lassen, die auf gar keinen Fall ihren Meissner Ursprung offenbaren sollten, unterschlug er.

Anfängliche Startschwierigkeiten in den Vertrags- und Handelsbeziehungen zwischen Lemaire und der Meissener Manufaktur konnten mit der Übernahme der Manufakturdirektion durch den Kabinettsminister Carl Heinrich Graf Hoym im Juni 1729 schnell überwunden werden (Weber 2013 Bd. I S. 36 f.). In diesem Staatsmann, der den Geschmack des Pariser Hofes und das dortige Leben aufgrund seiner Zeit als Pariser Gesandter in Versailles nicht nur kannte, sondern in Sachsen auch sehr vermisste, fand Lemaire einen Protektor, der sein Projekt engagiert unterstützte. Bereits im September 1729 wurde der erste Vertrag abgeschlossen, der Lemaire eine bevorzugte Behandlung gegenüber anderen Kaufleuten zusicherte. Die Bevorzugung ging soweit, dass er sogar persönlichen Zutritt in die Malereiwerkstatt Höroldts erhielt. Der Zusatz seitens der Manufaktur, dass er „auf keinerley Arth und Weise die Geheimnüße der Fabrique“ ausforschen dürfe (zit. nach Weber a.a.O.), klingt vor dem Hintergrund, dass der Graf Hoym sein innigster Verbündeter war, nach reiner Formsache.

Damit kam das Projekt schnell ins Rollen, allerdings gab es noch zwei Probleme zu lösen, um das Meissner Porzellan als „altes Indianisches Crak Guth“, d.h. japanisches Kakiemon-Porzellan in Paris verkaufen zu können:

  1. Wie konnte man diesen Plan in die Tat umsetzen und gleichzeitig dem ausdrücklichen Befehl Ausgusts des Starken vom 1. Oktober 1729 (Weber 2013 Bd. I S. 38 Fn. 158) entsprechen, das alle Porzellane mit der Schwertermarke zu versehen seien?
  2. Woher sollte man die japanischen Modelle beziehen, die kopiert werden sollten? Zu Anfang hatte Lemaire noch selbst japanisches Kakiemon-Porzellan aus Paris nach Dresden mitgebracht, was sich am Beispiel des Bantam-Hahns nachweisen lässt (siehe Langeloh Jubiläumspublikation 2019 Nr. 71 S. 401). Das war für ihn aber mit hohem Aufwand und Kosten verbunden, wie aus einem Schreiben an den König vom Juni 1729 klar hervorgeht (Boltz Keramos 88 / 1980 S. 5).

Das erste Problem wurde bekanntlich dadurch geschickt umgangen, indem anstatt der unterglasurblauen Schwertermarken emailblaue auf die Porzellanglasur aufgetragen wurden. Diese konnten im Nachhinein mittels Salpetersäure („Scheidewasser“) entfernt werden.

Bei der Lösung des zweiten Problems griffen Hoym und Lemaire auf die Bestände der Porzellansammlung Ausgusts des Starken zurück. Der König besaß zu dieser Zeit die größte Sammlung ostasiatischer Porzellane in Europa. Auf Anordnung Hoyms wurden im November, Dezember 1729 sowie im April 1730 ca. 220, vorwiegend japanische Porzellane entnommen und der Meissener Manufaktur zur Kopie übergeben (Weber 2013 Bd. I S. 39).

Darunter war auch eine achteckige Schale aus Arita-Porzellan mit dem Shiba Onko-Dekor, von dem Höroldt zwei Meissener Malerei-Modelle herstellte.

Das Höroldt-Modell zum Shiba Onko-Dekor
Die zwei ersten Meissener Schalen mit dem Shiba Onko-Dekor dienten Höroldt und seinen Malern als Modell für die Herstellung weiterer Exemplare, die der Kaufmann Lemaire bestellte.

Der Verbleib der beiden Malerei-Modelle ist bekannt:

Wie Julia Weber gezeigt hat (a.a.O.), wurden auf Geheiß des Grafen Hoym und auf Intention des Pariser Großkaufmanns Lemaire im November/Dezember 1729 rd. 220 ostasiatische Porzellane aus der Sammlung Augusts des Starken nach Meissen gesandt. Darunter auch eine japanische Shiba Onko-Schale, „wo nach dessen Vorbild in Höroldts Malerei-Werkstatt, 2. passichte Confect-Schaalen, No. 71’ als Malereimodelle angefertigt wurden“ (Weber 2013 Bd. II S. 137; Boltz 1980 S. 98).

Das japanische Original trug die Palastnummer „N=71– “ und war, wie Weber schreibt, unter „Krack-Porcelain“ (= japanisches Porzellan) „fälschlicherweise“ im Kapitel „Teezeug“ inventarisiert, wo vier japanische Shiba Onko-Schalen aufgelistet sind: „Vier Stück detto [8.eckigte und gemuschelte Assietten], mit überschlagenen und Blumen gemahlten auch eingefaßten braunen Rande, inwendig mit bunten Pagoden, und Bäumen gemahlt, 1 3/4 Zoll tief, 9 Zoll (= 21,15 cm) in Diam: No. 71“.

Nach diesem Arita-Original wurden von Höroldt zwei exakte Meissener Kopien erstellt, die als Modelle dienten, um die Shiba Onko-Schalen für den Pariser Kaufmann Lemaire herzustellen. Höroldt hat sie in seinem Preisverzeichnis von Meissener Arbeitskopien ostasiatischer Originale, die er später, am 24. Februar 1731 handschriftlich erstellt hat, festgehalten (Boltz 1980 S. 92): „Specificatio Derjenigen Porcellaine, welche als Modelle zum ferneren Gebrauch beygesetzt werden müßen …: 2. passichte Confect-Schaalen No. 71“ [= Shiba Onko]

Beide Schalen tragen auf der Rückseite als Erkennungsmerkmale:

  • Aufglasurschwerter in Emailblau;
  • die eingeschnittene Palastnummer „N=153-W“, unter der sie im Dezember 1734, zusammen mit weiteren Malereimodellen, inventarisiert wurden (Weber Bd. II S. 137; Boltz 1996 S. 92). Im Inventar von 1770 (Abschn. d Boltz Keramos 153/1996 S. 76) heißt es dazu: „Zwanzig Stück differente Confect-Schaalen, und Saladieren, theils mit korn-Aehren, Blumen auch Pagoden [= Shiba Onko] und Vogeln gemahlt, alt Indianisch, No. 153. 2. St. fehlen.“
  • und — das Wichtigste — beide Schalen zeigen die Reste einer abgeschliffenen Nummer, bei der es sich um die „N=71– “ handelt, die auf das japanische Original in der königlichen Sammlung verwies.

Julia Weber geht davon aus (a.a.O.), dass die japanischen Nummern bei der Überführung von der Manufaktur in die königliche Sammlung von den Schalen entfernt und — wahrscheinlich um Verwechslungen zu vermeiden — bei der Inventarisierung durch die „N=153-W“ ersetzt wurden.

Rückseite des Shiba Onko-Tellers (der sich ehemals in unserem Besitz befand) mit aufglasurblauer Schwertermarke, Johanneumsnummer „N=153-W“ und den leichten Spuren der jap. Palastnummer „N=71“

Spuren der japanischen Palastnummer „N=71“ und Schwertermarke in Detailansicht

Das Ende der Hoym-/ Lemaire-Affäre und die Beschlagnahmung der Porzellane
Die Machenschaften des Grafen Hoym und des Kaufmanns Lemaire, japanische Porzellane aus der königlichen Sammlung kopieren zu lassen, um diese alsdann nicht als Meissener, sondern als altjapanische weiterzuverkaufen, waren entschieden gegen den Willen des Königs. August der Starke unterrichtete den Grafen Hoym bereits im August 1730 das erste Mal, dass er mit dessen Verhalten unzufrieden sei (Weber 2013 Bd. I S. 41 ff.). Er tat dies, indem er ihm 15 Anklagepunkte zukommen ließ, worin es unter § 12 heißt, „dass bezüglich der Porzellane der königliche Wille nicht befolgt worden sei“ (Weber a.a.O.). Die Erwiderung Hoyms konnte den Ärger des Königs nicht mildern. Am 27. März 1731 wurde Hoym aus allen Ämtern entlassen und der Prozess gemacht. Er wurde dazu verurteilt, dem königlichen Hof fortan fern zu bleiben und musste 100.000 Taler Wiedergutmachung zahlen. Der Pariser Kaufmann Lemaire kam wesentlich glimpflicher weg und wurde „nur“ des Landes verwiesen.

Alle Porzellane, die sich bis dahin noch in Hoyms Dresdner Stadtpalais befanden, wurden Anfang April 1731 beschlagnahmt und in das Japanische Palais überführt. Darunter auch unser runder Teller, den wir hier präsentieren.

Die runden Shiba Onko-Teller mit der Palastnummer „N=75-W“ sind selten. Im Inventar des Japanischen Palais von 1770 sind nur 11 Exemplare benannt (Boltz a.a.O.):
„Eilf Stück Teller mit braunen Rande, inwendig Pagoden und Blumen gemahlt 9 [sic] 1/2 Zoll tief, 9 3/4 Zoll in Diam. No. 75“

Die Teller gehen auf Bestellungen des Pariser Kaufmanns Lemnaire zurück (s.u.) und wurden am 4. und 7. April 1731 im Hause Hoym beschlagnahmt (Boltz Keramos 88/1980 S. 42 f.):
„Porcellain, so der Französische Kauffmann le Maire zu seinen Verkauf ausgesetzet, und in des Herrn Graffens von Hoymb Hauße gefunden, aber uff allergnädigsten Befehl in das Holländische Pallais nach AltDreßden geschaffet worden: … 10 Teller mit Bajotten“ [= Shiba Onko]

Neben unseren zwei sind uns nur sieben weitere bekannt:

Literatur

Boltz, Claus: „Japanisches Palais-Inventar 1770 und Turmzimmer-Inventar, 1769.“, In Keramos 153 / 1996

Den Blaauwen, Abraham L.: Meissen Porcelain in the Rijksmuseum., Amsterdam 2000

Rückert, Rainer: „Alchimistische Symbolzeichen als Meissener Masse-, Former-, Bossierer- und Drehermarken im vierten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts.“, In Keramos 151 / 1996

Preis und Expertise anfordern

Bitte senden Sie mir den Preis und die Expertise zu diesem Objekt per E-Mail.